Nach nur drei Stunden Schlaf geht es mitten in der Nacht auf die Autobahn. In der Schweiz wird der Tempomat auf 120 Stundenkilometer gestellt. Ganz entspannt rollt der Volvo Richtung Gotthard-Tunnel. Erst nach der Alpendurchquerung lassen sich im Osten Anzeichen der Dämmerung erkennen. Dem ersten Sonnenlicht des frühen Tages folgen die Pendler auf die mittlerweile italienische Autostrada Richtung Mailand. Tempolimit? Nie gehört. Die Laster rasen auf der linken Spur, ständig hupt irgendjemand. Niemand lässt einen beim Spurwechsel rein. Italien. Da hilft nur Anpassung.

Ein Parkplatz in Mestre ist vorgebucht. Die Bahn bringt uns und unsere zu reichlich gepackten Koffer über den Damm nach Venedig. Ich bin mir sicher: Jeder, der die Stadt zum ersten Mal sieht, muss überwältigt sein. Der Canal Grande glitzert im Morgenlicht, die Palazzi ragen herrschaftlich in die Höhe, Gondeln streiten mit Wassertaxis um die Vorfahrt. Wie müssen sich meine Romanhelden gefühlt haben, als sie im Jahr 1452 an der gleichen Stelle eintreffen? Was geht einem Schwarzwälder durch den Kopf, wenn er südländische Lagunenluft atmet?

Die gemietete Wohnung liegt direkt an der Piazza San Marco. Wir werden nicht viel Zeit in den vier Wänden verbringen. Tag und Nacht sind wir unterwegs, um die Schauplätze meines Romans, „Das Geheimnis des Glasbläsers“ zu besichtigen. Wir erkunden Venedigs versteckte Plätze, gehen auf Murano spazieren, nutzen das Morgenlicht  für die Fotoshootings und besichtigen alte Bibliotheken, noch ältere Paläste, riesige Museen und auch ein paar Kirchen. Recherche kann ganz schön auf die Füße gehen.

Unsere Pausen verbringen wir am liebsten in einer kleinen Bar, in der wir nahezu die einzigen Touristen zu sein scheinen. Der Cappuccino schmeckt legendär, über einem Spiegel hängen Pin-Up-Poster aus italienischen Wandkalendern.

Nach einem sehr frühen Foto-Shooting für meine Frau gehen wir wieder einmal dorthin zum Frühstücken – mit Abendkleid. Eine alte Frau spricht uns direkt an. Sie stamme aus einer alten venezianischen Familie. Sie beklagt die großen Kreuzfahrtschiffe, deren Wellen die Lagunenstadt beschädigen. Sie ist traurig, dass immer mehr Venezianer aufs Festland ziehen und die Stadt langsam zu verfallen droht. Und sie schimpft darüber, dass so viele Touristen kein Stilgefühl zu haben scheinen. Wir unterhalten uns mit ein paar Brocken Italienisch, etwas Englisch und der Hilfe der Damen, die hinter der Theke die Tramezzini mit Thunfisch belegen und den Espresso brauen.

Als die alte Venezianerin erfährt, dass meine Frau Opernsängerin ist, ist sie noch mehr angetan. Ob wir noch lange bleiben, will sie wissen. Nein, die Reise dauert nur ein paar Tage. Sie meint auffordernd, dass wir unbedingt wiederkommen sollen.