Diese Woche flatterte mir eine sehr eigenartige Lesungsanfrage ins Haus. Ein Ladengeschäft in einer größeren Stadt wollte mir eine Kooperation anbieten. Ich sollte im Laden eine Lesung aus meinem aktuellen Roman „Der Gesang der Bienen“ geben. Der Laden wollte dabei den Lesungsbesuchern auch seine Produkte verkaufen. Ich zweifele nicht daran, dass diese vollkommen in Ordnung sind. So weit, so gut.

Aber dann wurde es grotesk. Ich sollte die Veranstaltung nämlich selbst bewerben. Und – da ich ja auch Redakteur bei einer großen Tageszeitung bin, sollte ich in die Wege leiten, dass im Vorfeld ein Bericht über den Laden in der Zeitung erscheint.

Als ich freundlich, aber in aller Deutlichkeit mitteilte, dass ich meine Arbeit als Journalist und meine Tätigkeit als Schriftsteller strikt trenne, und dass die Werbung Sache des Veranstalters ist, wurde ich aufgeklärt, dass der Laden sich gar nicht als Veranstalter sehe. Er werde „nur als Plattform“ auftreten und natürlich kein Honorar zahlen. Ich könne an dem Abend meine Bücher verkaufen. Fast generös wurde gesagt, dass man von den Einnahmen aus dem Buchverkauf nichts abhaben wolle. Wenn alles gut laufe, erkläre man sich eventuell bereit, danach ein paar Bücher ins Geschäft zu stellen.

Offenbar merkte mein Gesprächspartner, dass ich „not amused“ war, denn jetzt kam das Argument, gegen das wohl keine Gegenrede mehr möglich sein sollte: Eine andere Autorin habe es bei ihnen schon so gemacht.

Ich frage mich manchmal, wie Leute darauf kommen, einem ein Angebot zu machen, das nur einer Seite dient. Letztlich funktionieren Geschäfte doch dann am besten und nachhaltigsten, wenn alle Beteiligten etwas davon haben. Dieser Laden hingegen schien offenbar alle „Wins“ der berühmten „Win-Win-Situation“ auf seiner Seite wissen zu wollen.

Die ganze Sache hat mich an etwas erinnert: Ich kenne einige Musiker, die häufiger mit solchen Anfragen zu kämpfen hatten oder haben. Viele Bands kennen solche Bars, wo man den ganzen Abend gratis spielen soll („Zwei Getränke sind für jeden umsonst“). Die Musiker sollen Verständnis zeigen, dass der Veranstalter nichts zahlen könne. Man bekommt als Karotte vor die Nase gehängt, dass ein wichtiger Entscheider von einer Plattenfirma an dem Abend erwartet wird oder ein großer Veranstalter. Die kommen nicht? Naja, dann soll man doch dankbar sein, eine Probe vor Publikum machen zu können.

Ich muss sagen, dass mir als Autor so etwas zum Glück selten passiert. Ich habe meist mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern zu tun, die sehr fair agieren und die Veranstaltungen mit viel Aufwand und Leidenschaft organisieren, bewerben und ausrichten. Ich weiß das sehr zu schätzen. Wenn Ihr schon einmal auf einer Lesung von mir wart, wisst Ihr, dass ich es wirklich genieße, etwa 75 Minuten lang voll in Aktion auf der Bühne zu stehen, in verteilten Rollen vorzulesen und mit dem Publikum zu interagieren. Aber das ist nur ein Teil der Arbeit. Meist bin ich schon eine Stunde vor Lesungsbeginn vor Ort. Und nach dem eigentlichen Programm signiere ich und spreche noch lange mit interessierten Besuchern. Im Schnitt sitze ich danach eine Stunde im Auto auf der Rückfahrt. Die Stunde habe ich auch schon auf der Anfahrt im Wagen verbracht. Aus 75 Minuten Lesung werden so schnell fünf bis sechs Stunden für mich. Davor habe ich das Programm ausgearbeitet, es geprobt – und irgendwann auch das dazugehörige Buch geschrieben.

Dass ich das alles nicht umsonst machen kann, wird jedem klar sein. Niemand geht zum Bäcker, verlangt zehn Brötchen und kommt auf die Idee, die nicht bezahlen zu wollen. Niemand lässt sich das Bad fliesen und sagt dem Handwerker, er solle es als willkommene Übung sehen. „Ach übrigens, ein anderer Fliesenleger hat mir schon die Küche gratis gefliest.“ Nein – das ist KEIN Argument!

Es ist eher Anlass, an andere Autoren und Künstler zu appellieren, sich nicht ausnutzen zu lassen. Als Kreative beschäftigen wir uns in der Regel mit dem, was uns Spaß macht. Aber wenn andere von uns erwarten, dass wir es NUR zum Spaß machen und sie damit Geld verdienen, dann sollte man lieber einmal Nein sagen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, was unsere Arbeit wert ist und das konsequent einfordern! Wenn wir uns und unserer Kunst nicht selbst Wertschätzung entgegenbringt, wie sollen uns dann andere ernst nehmen?

Das Beitragsbild ist eine Bearbeitung eines Bildes von Patrick Neufelder auf Pixabay. Vielen Dank.